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Seite 1 von 3 Der Bauch – ein Universum im Zentrum des Leibes. Ausgerechnet der wohl prosaischste Teil des Menschen mit seinem stinkenden, rumpelnden Gedärm wird beherrscht von einem „zweiten Gehirn“.  Das zweite Gehirn befindet sich im Bauch 100 Millionen Nervenzellen umhüllen den Verdauungstrakt – links eine eingefärbte Röntgenaufnahme des Dickdarms –, mehr als im Rückenmark vorhanden sind. Dieses „Enterische Nervensystem“ zieht immer mehr Wissenschaftler in seinen Bann: Sie versprechen sich Erkenntnisse, die das Menschenbild verändern könnten. Denn das „Bauchhirn“ produziert Nervenbotenstoffe und reagiert auf Psycho-Drogen. Es arbeitet autonom und sendet viel mehr Signale zum Kopfhirn, als es von dort empfängt. Es kann erkranken und eigene Neurosen entwickeln. Es fühlt, denkt mit und erinnert sich – und es lässt uns infuitiv „aus dem Bauch heraus“ entscheiden.
Geahnt haben sie es immer, die Menschen aller Kontinente und Kulturen – der Sitz der Gefühle liegt im Zentrum des Körpers. Dort, wo Aufregung „Schmetterlinge flattern“ lässt und Freude und Glück lsise kribbeln. Wo das Uebel der Ueberforderung sich offenbart, wo Anspannung „auf den Darm drückt“, wo Aerger „auf den magen schlägt“, wo Angst ein Beben erzeugt und Ekel sich bis zum Erbrechen steigert. Und ihrer Ahnung verliehen sie Worte, wenn sie den Bauch zum „Nabel der Welt“ oder zum „Symbol des Lebens“ erklären.
Werden Menschen gefragt, wo Gefühl und Gesundheit, Emotion und Intuition, Wohlbehagen und Leidenschaft am besten zu orten sind, zeigen sie, gleich welcher Herkunft oder Hautfarbe, auf die Mitte ihres Körpers. Weil sie spüren, dass in der dumpfen Höhle des Leibes etwas ein Eigenleben führt. Etwas, das zu einem spricht, das Geschichten erzählt und verschlüsselte Botschaften versendet. Seit Urzeiten meditieren sich ganze Völker in jenes Zentrum hinein, um Gelassenheit zu finden und Weisheit. Sogar die Herrscheerin der heutigen Welt, die Wirtschaft, vertraut auf die globale Sprache aus dem Inneren: „Höre auf Deinen Bauch“ heisst es in Kursen für erfolgreiche Manager und Börsenmakler werden angehalten, ihre Entscheidungen „aus dem Bauch heraus“ zu optimieren.
Und nun gibt die Wissenschaft ihnen allen Recht. Der wohl prosaischste Teil des Menschen, sein stinkendes, rumpelndes Gedärm, birgt tatsächlich entscheidende Geheimnisse des Lebens. Der Bauch mit seinem ausgeklügelten Verdauungssystem seinem unappetitlichen Inhalt und den eheer peinlichen Bekundungen seiner Existenz ist in ungeahnter Form in das Interesse der Forschung gerückt.
Der Grund dafür, sagt der amerikanische Neurowissenschaftler Michael Gershon, Chef des Departements für Anatomie und Zellbiologie der Columbia University in New York. „so unpassend das klingen mag“, sei eine bahnbrechende Erkenntnis: „Da ist ein Gehirn in unserem Bauch.“
Mögen die Eingeweide auch hässlich erscheinen und von Wissseenschaft und Gesellschaft tabuisiert werden – sie sind umhüllt von mehr als 100 Millionen Nervenzellen: mehr Neuronen, als im gesamten Rückenmark zu finden sind. Auch wenn es sich wie ein Sakrileg anhört: Dieses „zweite Gehirn“, so haben Neurowissenschaftler herausgefunden, ist quasi ein Abbild des Kopfhirns – Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren sind exakt gleich.
Die Existenz einer solchen Masse von Nervenzellen im Bauch hat ein neues Forschungsgebiet hervorgebracht, das jüngere Wissenschaftler in aller Welt in seinen Bann schlägt. Gerade in jüngster Zeit hat die Disziplin mit dem sperrigen Namen Neurogastroenterologie grosse Anziehungsskraft entwickelt.
Eine Quelle psychoaktiver Substanzen
Von „einer Entdeckungssreise in die verborgenen Tiefen des menschlichen Körpers“ spricht Michael Schemannn, Professor für Physiologie an der Tierärztlichen Hochschule Hannover – einer von etwa 300 Wissenschaftlern in aller Welt, die sich dem „Enterischen Nervensystem“ widmen. „Lange Zeit glaubten wir, dass der Darm eine Röhre mit einfachen Reflexen sei“, erklärt David Wingate, Professor an der University of London, „keiner ist auf die Idee gekommen, die Nervenfasern zu zählen“. Emeran Mayer, Professor an der University of California in Los Angeles, sagt: „Vor zehn Jahren hätten mich viele Kollegen ausgelacht, wenn ich von einer Verbindung zwischen Psyche und Bauchhirn gesprochen hätte.“ Und der australische Forscher Marcello Costa von der Flinders University in Adelaide kommentiert die neuen Erkenntnisse: „Ich wollte es anfangs auch nicht glauben.“
In einem sind sie sich alle einig: Die grösste Ansammlung von Nervenzellen ausserhalb des Kopfesw erledigt noch mehr als die an sich schon hochkomplexe Verdauungsarbeit. Das zweite Gehirn ist ein Ueberlebensgarant für Leib und Seele. Es ist eine Quelle psychoaktiver Substanzen, die mit Gemütslagen in Verbindung stehen – etwa Serotonin, Dopamin, Opiaten. Auch Benzodiazepine werden hier produziert, jene Chemikalien, ddie Drogen wie Valium deren beruhigende Wirkung geben. Der Bauch nährt das Gehirn im Schädel also auf vielerlei Weise.  Sitz des Bauchhirns
Die Aufteilung der grauen Masse erfolgt schon im werdenden Embryo; Bei der Ausbildung von Neuralrohr und –leiste wird ein Teil der Nervenzellen vom Kopf eingeschlossen, ein anderer wandert in den Bauchraum. Die Körpermitte wird gleichsam kolonialisiert von Neuronen, die sich wie Emigranten aufgemacht haben, neue Gebiete zu besiedeln. Die Verbindung zwischen den Verwandten, eine Art Standleitung, bilden das Rückenmark und der Vagusnerv.
Warum machen sich die Nervenzellen auf den Weg? „Wir können nicht alles im Gehirn verstauen“, sagt Michael Schemann. „Durch die nötigen Leitungen nach unten hätten wir einen riesigen Hals“. Ein Säugling müsse schon unmittelbar nach der Geburt essen, trinken und verdauen, das ist sein ersster und intensivster Kontakt mit der Aussenwelt. Diese grundlegende Funktion des Ueberlebens werde besser nicht über lange Verbindungsstränge vom Kopf her kontrolliert, sondern sollte weitgehend unabhängig sein.
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